Lila Hortensien
"Ja, hallo, guten Morgen", brummte Josephine ins Telefon. Es war erst 10 Uhr am Samstagmorgen, und gestern Abend war sie erst spät nach Hause gekommen, nachdem sie die halbe Woche bei ihren Eltern gewesen war. Eigentlich hatte sie ausschlafen wollen, um den Tag zum Einkaufen und Lernen zu nutzen. Am Montag fing das Semester wieder an, ihr zweites Semester in Literatur und Kunst. Aber jetzt war erst mal Lilli, Josephines beste Freundin, am Telefon, und die wichtigsten Neuigkeiten schienen aus ihr heraus zu sprudeln. Josephine stand verschlafen vor dem Spiegel im Flur, zog Grimassen und gab nur kurze Brummlaute von sich, damit Lilli wusste, dass sie noch da war. Nachdem Lilli das Wichtigste erzählt hatte, fragte sie: "Also, warum ich eigentlich anrufe: Wir wollen heute Abend im Park grillen, um uns einen netten Semesterferienabschluss zu machen. Kommste?" "Ach, ich weiß nicht, passt mir eher weniger. Wollte eigentlich schon mal für die Vorlesung am Dienstag vorlernen. Außerdem bin ich noch ganz schön fertig von der letzten Woche und hab´ morgen wieder Sozialdienst im Altersheim!" "Mensch, Josie, du kannst doch an so einem schönen Tag nicht ernsthaft lernen wollen! Komm doch mal mit! Es wird bestimmt lustig, und außerdem will Annie noch ihren Bruder mitbringen: Der ist 26 und soll ein echt netter Kerl sein. Also komm schon! Ich würde mich auch echt freuen!"
"Ach nee, Lilli, lass mal. Mach du dir einfach einen netten Abend mit den anderen; ich bleib lieber hier." "Mensch, Josie, jetzt sind wir schon zwei Semester hier, und du kennst außer mir nicht wirklich jemanden - und das auch nur, weil wir seit der fünften Klasse alles zusammen machen. Du bist doch nur als das ,Phantom an der Uni´ bekannt. Niemand außer mir scheint was mit dir zu tun zu haben. Raff dich doch mal auf!" Bei diesem Stichwort schrie Josephine auf: "Ach herrje, die Zeitung auf der Herdplatte brennt", und legte auf. Josephine kannte den Appell, den Lilli jetzt an sie gerichtet hätte, und darauf hatte sie einfach keine Lust. Sie war keine Partygängerin, sondern hatte lieber ihre Ruhe. Außerdem war sie sicher, dass sie die Hälfte der Leute gar nicht gekannt hätte, und dieser angeblich so nette Bruder hätte an ihr bestimmt nichts toll gefunden; außerdem fiel ihr ja selber auch nicht viel ein. Aber um dieses Thema schnell zu vergessen, sprang sie schnell unter die Dusche und ging einkaufen. Danach verbrachte sie den Tag noch mit Lernen und ging früh zu Bett. Sie war zufrieden, viel geschafft zu haben. Da war ihr doch egal, dass die anderen sie als "Phantom" bezeichneten. Sie wollte gut sein. Da musste man halt auf was verzichten.
Am nächsten Morgen klingelte der Wecker um 8 Uhr, denn ab 9 Uhr begann ihr Dienst im Altersheim. Jeden Sonntag ging Josephine ins städtische Altersheim, um mit den einsamen alten Leuten etwas Zeit zu verbringen. Sie spielte mit ihnen, las die Zeitung vor oder hörte einfach nur ihren Geschichten zu, obwohl sie die meisten schon auswendig kannte. Aber ein älterer Herr war ihr richtig ans Herz gewachsen: Valentin DuMont, der charmante Franzose, der nach Deutschland gekommen war, um seine Frau zu heiraten. Die aber war inzwischen schon lange tot. Kinder hatte DuMont auch keine; daher war er ziemlich alleine. Doch schon bei ihrem ersten Dienst vor einem Jahr verstanden sich Josephine und Herr DuMont äußerst gut, sodass im Laufe des Jahres ein enges Band zwischen den beiden gewachsen war. Josephine war für den alten Mann schon fast zu einer Tochter geworden, aber auch Josephine fühlte sich sehr wohl in seiner Anwesenheit.
Darum freute sie sich schon, als sie das Altersheim durch die große Glastür betrat, die große Empfangshalle durchschritt und auf das Büro der Pflegleiterin zusteuerte, um sich anzumelden. Sie klopfte zaghaft an die Bürotür - keine Antwort. Also machte sie die Tür einen Spalt weit auf und blickte hinein, aber niemand war da. Also setzt sie sich in einen gemütlichen Sessel der nahen Sitzecke und wartete.
Bestimmt war Annette Emmerich, die Pflegeleiterin, gerade im Haus unterwegs und würde gleich wieder auftauchen. In der Zwischenzeit überlegte sich Josephine schon mal, was auf dem Programm stand. Am Morgen wollte sie ein kleines Schachturnier mit den Herren der Ebene drei machen und eventuell dem einen oder anderen Bettlägerigen die Zeitung vorlesen. Am Nachmittag wollte sie beim Picknick im Park mithelfen. Aber am meisten freute sie sich schon auf den Abend, weil sie den wie immer gemeinsam mit Herrn DuMont verbringen wollte.
Da kam auch schon Anette Emmerich. Sie sah abgehetzt aus, aber als sie Josephine sah, lächelte sie kurz auf und bat sie ins Büro. Die beiden setzten sich. Lange blickte Frau Emmerich Josephine an und schien nach Worten zu ringen. Josephine saß stocksteif da und blickte flehend in Frau Emmerichs Augen. Nach einigen Momenten voller elendiger Stille fand die Pflegeleiterin endlich wieder ihre Stimme: "Es tut mir leid, wirklich, es tut mir unendlich leid." Wieder Stille, aber dann sprach Frau Emmerich es endlich aus: "Er ist tot."
Josephine schrie leise auf und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen: "Nein, nein, das geht nicht!" "Doch, leider, es geht, sein Herz wollte einfach nicht mehr. Es begann gestern Abend mit einem leichten Stechen in der Brust, dann ging alles ziemlich schnell. Er kippte um, der Notarzt stellte einen Herzinfarkt fest und nahm ihn mit ins Krankenhaus. Ich war die ganze Zeit bei ihm. Er ist dann noch einmal bei Bewusstsein gewesen und hat sogar von dir geredet, aber wir haben dich die ganze Nacht nicht erreicht!"
"Klar", dachte Josephine, "ich hatte ja das Telefon ausgemacht, um schlafen zu können und jetzt ist es einfach vorbei, vorbei, vorbei, für immer zu Ende!" Als hätte die Pflegeleiterin diese Gedanken lesen können sagte sie: "Mach dir keine Vorwürfe! Er sagte mir noch, dass ich gut auf dich aufpassen solle, und ich versprach, dir einen Umschlag zu geben, den er auf sein Klavier gelegt hat. Ich glaube, er wusste, dass er nicht mehr lange konnte. Ich habe den Umschlag schon vor einer Woche auf dem Klavier liegen sehen." Frau Emmerich griff in die Schreibtischschublade und holte einen mittelgroßen weißen Umschlag heraus, den sie Josephine gab. Die drückte ihn an sich und weinte leise. So zusammengekauert, saß sie noch länger da. Annette Emmerich bracht ihr einen Kaffee und versicherte Josephine, dass sie ruhig noch länger sitzen bleiben könne, sie selber müsse leider wieder arbeiten. Regungslos blieb Josephine sitzen. Sie versuchte, ihre Gedanken etwas zu sortieren, aber es gelang ihr nicht. Also beschloss sie, noch einmal in DuMonts Zimmer zu gehen. Als sie es betrat, fiel ihr Blick sofort auf das Bild mit dem lila Hortensienbusch, das sich der alte Mann von ihr zu Weihnachten gewünscht hatte. Letzte Woche hatte er noch genau da gesessen und fröhlich seine Lieblingslieder geklimpert. Sie setzte sich auf den Klavierstuhl und fühlte über die Tasten. In der Luft lag noch sein Geruch. Manche Menschen haben einen so markanten Geruch, dass man sie mit der Nase erkennen könnte. Herr DuMont besaß so einen Geruch. Diese Gedanken riefen wieder Tränen in ihr hervor, und sie entschloss sich, endlich den Umschlag zu öffnen. Vorsichtig riss sie ihn auf, und ein Brief sowie ein weiterer, etwas kleinerer Umschlag fielen ihr entgegen. Als erstes faltete sie den Brief auf und las:
"Liebe Josephine
Jetzt merke ich, dass mein Körper immer schwächer wird und mein Geist nichts dagegen tun kann, doch das macht mir keine Angst. Ich bin überzeugt, dass ich in meinem Leben viele schöne Erfahrungen gesammelt habe. Und gerade die Begegnungen mit Dir im vergangenen Jahr lassen mich jetzt ruhig sein. Aber wie Du weißt, gibt es trotzdem noch etwas, was ich verpasst habe. Nie wieder war ich in meinem Heimatort in Südfrankreich, und deshalb möchte ich Dich um etwas sehr Wichtiges bitten: Du kennst den großen lila Hortensienbusch, der vor dem Eingangsportal des Altersheims blüht. Dieser Busch ist sozusagen ein Urenkel eines Busches, der in meinem Heimatort wuchs und den ich mit nach Deutschland brachte. Egal, wo ich bis jetzt gewohnt habe, immer blühten lila Hortensien vor meiner Haustür. Jetzt, wo mein Leben zu Ende geht und ich selber nie wieder in meine Heimat kommen werde, möchte ich Dich bitten, für mich nach Südfrankreich zu fahren und wieder einen Teil des Busches in meinem Heimatort zu pflanzen. Ich glaube, erst dann kann ich wirklich ruhen!
In dem zweiten Umschlag findest Du eine Fahrkarte für den Zug, mit der Du in die Nähe des Ortes kommst. Ab dort musst Du Dir noch ein Taxi bestellen. Ich denke, das Geld sollte reichen.
Außerdem musst Du Dir noch eine Rückfahrkarte kaufen; dafür sollte auch genug Geld im Umschlag sein. Ich habe diese Karte mit Absicht noch nicht im Voraus gekauft, denn Du sollst selbst entscheiden, wie lange Du bleiben willst.
Ich möchte Dir jetzt nur noch einen Rat mit auf den Weg geben: Vielleicht macht Dir die Welt da draußen Angst, aber vertraue mir, wenn ich Dir sage, dass Du ein wunderbarer Mensch bist, der mit allen Fertigkeiten ausgestattet ist, was Neues auszuprobieren. Ich bin sicher, dass Südfrankreich dafür genau der richtige Ort ist.
Ach so: Die genaue Adresse des Ortes liegt auch noch bei.
Mach´ es gut, meine liebe Josephine! Ich bin so glücklich, dich im letzten Jahr noch erlebt haben zu dürfen!
Dein Valentin DuMont
P.S.: Wenn noch genug Geld übrig bleibt, kauf Dir ruhig noch was Schönes. Das Geld ist jetzt ganz für Dich, denn ich brauche es nun wirklich nicht mehr!"
Etwas verwundert las Josephine den Brief noch mehrmals, aber eigentlich war es gar nicht wunderlich, es passte zu ihm. Trotzdem noch leicht verwirrt, verließ sie das Zimmer, ging den langen Korridor entlang, die große Treppe hinunter, und als sie an der Eingangstür ankam, stand dort Annette Emmerich in Gummistiefeln mit zwei großen Spaten in den Händen. Lächelnd sah sie Josephine an, nickte ihr aufmunternd zu und sagte: "Ich weiß Bescheid, also lass uns losbuddeln." Sie drückte Josephine den einen Spaten in die Hand und ging voraus. Sie gruben etwa die Hälfte des Busches aus, was keine leichte Arbeit war, denn er hatte schon tiefe Wurzeln geschlagen. Als sie es trotzdem geschafft hatten, packten sie ihn mit ausreichend Erde in große Plastiktüten.
Damit zog Josephine dann ab. Selbst konnte sie die ganze Situation immer noch nicht begreifen. Eigentlich kam ihr alles sehr unwirklich vor, als ob es nicht sie wäre, die gerade mit einem Hortensienbusch die Straße entlang lief. Doch eines war ihr klar: Sie wollte das tun, worum Valentin DuMont sie gebeten hatte.
In ihrer Wohnung angekommen, duschte sie erst einmal, um die ganze Erde vom Körper zu waschen, danach packte sie ihren Koffer. Planlos schmiss sie ihre Klamotten zusammen. Danach fiel sie ins Bett.
Kurz vor drei Uhr am Morgen stand sie schon wieder am Bahngleis - in der einen Hand der Koffer und in der anderen die große Tüte.
Den Geruch der blühenden Hortensien in der Nase tragend, stieg sie in den Zug, setzte sich ans Fenster und beobachtete die Landschaft, die schon bald an ihr vorbeiflog.
Lea Stöver (Marienschule, Klasse 12)
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