Teddys Freundin
Alles begann unter einer Tanne. Es war Weihnachten, ein freudiger Tag, an dem man eigentlich keine Angst haben sollte - aber das wusste ich damals natürlich noch nicht. Jenes Fest wurde für mich dadurch eingeleitet, dass man mich in eine dunkle Kiste verbannte. Obwohl ich furchtbare Angst hatte, bemerkte ich den Duft von Tannenzweigen und Zimt, der durch einen Spalt zu mir hereinkroch und von Nadelwald und frisch gebackenen Plätzchen erzählte. Nach einer unendlich langen Zeit wurde mein Gefängnis hochgehoben. Papier raschelte, zerriss, und langsam öffnete sich der Deckel einen Spalt. Das Erste, was ich sah, waren große aufgeweckte Augen - die Augen meiner Retterin - und dann zwei kleine Hände, die mich vorsichtig heraushoben. „Gefällt er dir, Paula?", fragte eine Stimme. Sie nickte nur und drückte mich an ihr Herz.
Ja, so lernten wir uns kennen, Paula und ich.
Von da an waren wir unzertrennlich. Nachts durfte ich in ihrem Bett schlafen, und tagsüber begleitete ich sie manchmal sogar in den Kindergarten, wo sie mich tapfer gegen zupfende, grapschende Hände verteidigte, die Freude daran zu haben schienen, mich durch die Luft zu schleudern oder an meinen Ohren zu ziehen.
So ging das eine ganze Weile, bis Paula mir irgendwann mit sehr ernstem Blick mitteilte, dass sie nun ein Schulkind sei und deshalb leider nicht mehr so viel Zeit für mich haben werde. Es machte mich traurig, jeden Vormittag allein zu sein, und ich langweilte mich zu Tode, wenn sie Zahlen und Buchstaben malte. Aber spätestens, wenn Paula sich beim Einschlafen an mich kuschelte, war alles wieder gut.
Und dann war Paula verschwunden. Eine Nacht verging, in der ich einsam und alleine im Regal saß, dann noch eine und noch eine. Ich machte mir furchtbare Sorgen. Wo war Paula? War sie weggefahren? Ohne mich? Schon einmal hatte sie mich vergessen, als wir an die Nordsee fuhren. Sie hatte so lange geweint, bis ihre Eltern umkehrten und ich doch noch mitkommen konnte. Vermisste sie mich dieses Mal nicht?
Als sie endlich nach Hause kam, war ich unendlich erleichtert. Sie schien mich genauso vermisst zu haben wie ich sie, denn von da an verbrachten wir Tag und Nacht zusammen. Sie schien gar nicht mehr aufstehen zu wollen! Während ich so glücklich war wie lange nicht mehr, wunderte ich mich immer wieder über die bedrückten Gesichter der Eltern und der Verwandten, die erstaunlich oft zu Besuch kamen. Dass Paula die meiste Zeit schlief, störte mich nicht besonders, so lange ich nur bei ihr sein konnte. Aber als sie immer blasser und dünner wurde und immer seltener lachte, fing ich an, mir ernsthaft Sorgen zu machen. Sie schien einfach nicht mehr dasselbe fröhliche Mädchen zu sein, das mich damals aus der Kiste befreit hatte.
Eines Tages waren alle plötzlich furchtbar aufgeregt. Fremde Menschen mit ernsten Gesichtern trugen Paula in ein Auto, während Paulas Vater gleichzeitig versuchte ihnen zu helfen und Paulas Mutter zu beruhigen, die gar nicht mehr aufhören wollte, zu weinen.
Die ganze Zeit hielt Paula mich fest. Auch als das Auto anhielt und Paula hinausgetragen wurde und auch als man uns durch die kahlen Flure eines großen Gebäudes fuhr, hielt sie mich fest umklammert, als wollte sie mich nie wieder loslassen.
Doch irgendwann bogen wir ab, und der Griff der kleinen Finger lockerte sich. Ich spürte, wie ich abrutschte, und das Letzte, was ich von ihr sah, waren ihre Augen, die sich ein letztes Mal für mich öffneten, und ihre Lippen, die lautlos noch einmal meinen Namen formten: Teddy.
Es war schon dunkel, als man mich fand. Paulas Mutter hob mich hoch und drückte mich an sich, genauso wie Paula es immer getan hatte. Aber wo war Paula?
Zu Hause wurde ich auf Paulas Bett gesetzt, von dem aus ich das Zimmer überblicken konnte, das ohne sie so leer und leblos wirkte.
Zuerst rechnete ich jeden Tag damit, Paula wieder zu sehen: Schließlich war sie schon einmal zurückgekommen.
Aber Paula kam nie zurück.
Annkristin Wewel und Luisa Pelz (Klasse 12, Marienschule)
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