"Und ich musste sie gehen lassen"
Es schien ein Tag wie jeder andere zu werden, aber letztendlich war es der Tag, der mein Leben veränderte.
Ich erinnere mich noch genau, wie ich nach Hause kam, das Wohnzimmer betrat und dort meine Eltern sah. Sie saßen auf dem Sofa. Fassungslos. Den Tränen nahe. Austherapiert war die Diagnose, womit gemeint war, dass man meiner Mutter nicht mehr helfen konnte. Dass sie sterben würde. Krebs, ja, die Diagnose hätte ich verkraften können, aber den Tod?
Der Gedanke daran war für mich unvorstellbar. Es erschien mir einfach nicht möglich, dass meine Mutter sterben würde. Nach der Diagnose verschlechterte sich ihre Lage dramatisch. Sie verlor ihren Appetit, wurde schwach und konnte sich bald nur noch im Rollstuhl bewegen.
Auch mir ging es immer schlechter, und mich quälten tausend Fragen: Was geschieht denn im Sterben? Wie kann ich helfen? Was mache ich im Moment des Sterbens?
Neben den vielen körperlichen Anzeichen, wie ihrem starken Gewichtsverlust und den vielen blauen Flecken, die sie schon bei leichtesten Berührungen bekam, wirkte sie ausgelaugt, und ihr Gesicht war eingefallen, von der Krankheit gezeichnet. Denn es wurde immer deutlicher, dass sie ihren Lebenswillen langsam verlor.
Die Wochen vergingen, und ihr Zustand besserte sich nicht. Als ihre Kräfte dann jedoch kurzzeitig wiederkehrten, hielt ich das für ein gutes Zeichen. Sie setzte sich noch einmal auf und bat uns, ihr ihre Lieblingsspeise zu kochen. Später wurde mir jedoch bewusst, dass dies keineswegs ein Zeichen von Besserung war. Es war vielmehr ein letztes Aufblühen, ein letztes „Atemholen vor dem Sprung".
Tatsächlich starb sie schon kurze Zeit später. Es war ein Donnerstag, Ende November, als ich nach Hause kam und gleich merkte, dass etwas nicht stimmte. Meine Mutter lag im Bett, die Augen halb offen, dem Tode näher als dem Leben.
Die Ärztin gab ihr maximal zwei Tage, und ich spürte intuitiv, dass dies der Zeitpunkt für ein letztes Gespräch sein sollte. Ich fasste ihre kalte Hand, die - wie mir auffiel - dunkel verfärbt schien. Zunächst fehlten mir die Worte, ich wusste nicht, was ich sagen sollte, aber schließlich sagte ich: „Ich war kein guter Sohn, es tut mir leid." Sie antwortete, dass dies nicht stimme, und ich sah sie an und konnte nichts sagen, nur weinen. Die folgenden Worte werde ich nie vergessen, denn es sind ihre letzten an mich. Sie sagte: „Ich kann nicht mehr weinen", und das einzige, was ich daraufhin noch leise erwidern konnte, war: „Ich liebe dich, Mama".
Ihre letzte Nacht brach an, und es zeigten sich wiederum Veränderungen, die ich noch nie an ihr gesehen hatte. Ihr Mund blieb offen stehen, und ihr ohnehin schwacher Puls wurde noch schwächer. Sie zeigte kaum noch Reaktionen auf das Geschehen um sie herum.
Phasenweise jedoch schien sie unruhig, machte ziellose Arm- und Beinbewegungen - Zeichen dafür, dass sie den Bezug zu dieser Erdenwelt mehr und mehr verlor. Sie musste so lange kämpfen und hatte nun einfach keine Kraft mehr.
Ich wusste, ich konnte nichts mehr für sie tun, und ich musste sie gehen lassen. Für immer.
Text: Dennis Rehbaum und Kyra Elias (Klasse 12, Kardinal-von-Galen-Gymnasium)
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