Jeden Tag aufs neue leben
Bestatterin Hildegard Sandfort: Offenheit und Einfühlungsvermögen sind gefragt
Hildegard Sandfort, Inhaberin des am 1.April 1910 gegründeten Bestattungsinstituts Bernd Sandfort, arbeitet seit mehr als 22 Jahren als Bestatterin in Münster. Aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrungen weiß sie genau, worauf es in ihrem Beruf ankommt, und hat den Wandel des Bestattungsgewerbes im Laufe der Jahre miterlebt. Im folgenden Interview gibt sie einen genaueren Einblick in den Beruf des Bestatters.
Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Durch die Heirat mit meinem Mann, dessen Familie Inhaber des Bestattungsinstituts war. Ich habe mich also nicht direkt für den Beruf des Bestatters entschieden, sondern bin quasi zufällig dazu gekommen.
Fiel es Ihnen anfangs schwer, mit dem Thema Tod umzugehen?
Zu Beginn war es schon schwer, sich an das Thema Tod zu gewöhnen. Doch im Laufe der Zeit, nachdem man immer mehr Erfahrungen gesammelt und sich auch automatisch intensiver mit dem Thema beschäftigt hat, nimmt man es einfach an und versucht damit klarzukommen. Und je tiefer man in diese Materie eindringt, desto leichter fällt es einem, damit richtig umzugehen, und desto interessanter wird es.
Welche Einstellung haben Sie zum Tod?
Meiner Meinung nach gehört der Tod ebenso wie die Geburt zum Leben dazu. Abschied nehmen ist zwar traurig, aber im Laufe des Lebens wird jeder damit konfrontiert. Zudem kann der Tod eines geliebten Menschen für einen selbst auch eine Weiterentwicklung bedeuten und die Persönlichkeit stärken.
Wie reagieren die Leute darauf, wenn Sie von Ihrem Beruf erfahren?
Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass sich die Leute sehr für meinen Beruf interessieren. Sie sind froh darüber, dass sie sich ohne Zwänge mit dem Beruf des Bestatters auseinandersetzen können. Daher erzähle ich auch gerne von meinem Beruf und habe oft das Bedürfnis, den Leuten mitzuteilen, dass auch dieser Beruf notwendig ist und ich ihn gerne ausübe.
Lernt man durch Ihren Beruf das Leben mehr zu schätzen?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben für uns den Leitspruch „ Jeden Tag aufs Neue leben" entwickelt. Man muss einfach das Beste aus jedem Tag machen, denn es kann schnell etwas passieren, und das Leben kann unerwartet vorbei sein. Man sollte daher nicht einfach in den Tag hineinleben, sondern jeden einzelnen Tag voll auskosten.
Gibt es auch negative Seiten an ihrem Beruf?
Nicht direkt negativ, aber auch das Privatleben wird beeinflusst, denn man muss ständig erreichbar sein, um den Angehörigen eines kürzlich Verstorbenen möglichst zeitnah mit Trost und fachkundigem Rat zur Seite zu stehen. Man kann daher in diesem Beruf nie wirklich von Feierabend sprechen, denn es kann immer ein „Notfall" dazwischen kommen.
Hat sich das Bestattungsgewerbe in den letzten Jahren gewandelt?
In den letzten Jahrzehnten hat auf jeden Fall eine Veränderung stattgefunden. Zum Beispiel nimmt die Zahl der Feuerbestattungen von Jahr zu Jahr zu, was oft mit der finanziellen Belastung durch die Grabpflege zu tun hat. Aufgrund schwieriger Familienverhältnisse sind es sogar oft die Verstorbenen selbst, die den Wunsch einer anonymen oder Feuerbestattung geäußert haben, um die Belastung für die Angehörigen zu verringern. Wegen der sich wandelnden Gesellschaft verändert sich auch die Bestattungskultur immer stärker, was ich persönlich sehr schade finde.
Was genau versteht man unter anonymer Bestattung?
Bei einer anonymen Bestattung wird der Leichnam zunächst verbrannt, und die Urne wird anschließend auf einer großen Rasenfläche neben vielen anderen Urnen beigesetzt. Lediglich die Friedhofsverwaltung kennt die genaue Position der einzelnen Urnen. Anstatt einzelner Grabsteine gibt es einen großen Grabstein, auf dem beispielsweise steht: „Hier sind die Bürger der Stadt Münster anonym beigesetzt". Eine weitere Besonderheit ist, dass zwar eine Trauerfeier in der Kirche stattfinden kann, die eigentliche Beisetzung jedoch unter Ausschluss der Angehörigen erfolgt.
Wie beurteilen Sie diese Form der Bestattung?
Ich sehe bei der anonymen Bestattung das Problem, dass den Angehörigen ein wichtiger Ort der Trauer fehlt, so dass die Trauerbewältigung erheblich erschwert wird. Dies erkläre ich auch vielen Leuten, die mit dem Gedanken einer anonymen Beisetzung spielen, um sie eventuell noch umstimmen zu können. Ich habe nämlich schon oft die Erfahrung gemacht, dass Angehörige die Entscheidung für eine anonyme Bestattung im Nachhinein bereut haben.
Wie kann man Ihrer Meinung nach den Tod eines Angehörigen am besten verarbeiten?
Ich denke, dass es sehr wichtig ist, am offenen Sarg ein letztes Mal Abschied von dem Verstorbenen zu nehmen, obwohl der Gang schwer fällt, da man nur so wirklich loslassen kann und seine Ängste zu überwinden lernt. Es gibt aber natürlich auch Ausnahmen, z.B. wenn das Aussehen eines Leichnams aus verschiedenen Gründen nicht mehr dem gewohnten Aussehen der verstorbenen Person entspricht. Allgemein kann ich jedoch sagen, dass viele Personen, die sich gegen diesen Gang entschieden haben, dies hinterher bereuen.
Wer sind hauptsächlich Ihre Kunden?
Zu meinen Kunden gehören sowohl alte als auch junge Menschen, und es sind auch verschiedene Kulturen vertreten, so dass ich mit der gesamten Bandbreite von unterschiedlichen Menschen zu tun habe. Die meisten dieser Kunden haben genaue Vorstellungen von dem Ablauf der Beerdigung, jedoch gibt es auch solche, die ganz ohne eigene Vorstellung zu mir kommen und von mir beraten werden wollen.
Kann man Ihrer Meinung nach den Beruf des Bestatters in dem Sinne erlernen, oder muss man dafür bestimmt sein?
Meiner Meinung nach sollte man sich nicht zu früh für den Beruf des Bestatters entscheiden, da man sich wirklich sicher sein sollte, dass dieser Beruf für einen geeignet ist. Man sollte daher im Vorfeld in ähnlichen Berufsfeldern, wie z.B. der Altenpflege, Erfahrungen sammeln und sich dann bewusst für den Beruf des Bestatters entscheiden. Generell sollte man außer dem Interesse an dem Beruf jedoch auch bestimmte Eigenschaften mitbringen, wobei besonders Offenheit und Einfühlungsvermögen wichtig sind.
Interview: Kristina Strohbücker, Julia Schröer, Nina Heithoff (Klasse 12, Kardinal-von-Galen-Gymnasium)
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