„Die Hoffnung stirbt nie“
Interviews mit zwei Menschen nach einem schweren Verlust
Einen geliebten Menschen zu verlieren, ist nicht einfach. Oft kommt es bei der Verarbeitung des Verlustes auch darauf an, auf welche Weise der Verstorbene sein Leben ließ. Jeder Mensch geht mit Trauer anders um: Dies zeigen auch diese zwei Interviews mit Maria*, die vor einiger Zeit ihren Vater nach einem langen Krebsleiden verlor, und Karin*, deren erste große Liebe plötzlich an einem unentdeckten Herzfehler starb.
Interview mit Maria:
Maria, wie hast du davon erfahren, dass dein Vater sterben wird?
Als wir in der fünften Klasse von der Klassenfahrt zurückgekommen sind, hat sich meine Mutter so komisch verhalten. Ich habe ihr alles voller Freude erzählt, aber sie hat kaum geantwortet. Trotzdem hat sie sich bemüht, freudig zu wirken; also habe ich gefragt, was los sei. Und dann hat sie mir gesagt, sie sei so froh gewesen, dass ich mich nicht mehr gemeldet hätte, denn sie und meine Brüder hätten vor drei Tagen erfahren, dass die Ärzte meinem Papa nicht mehr helfen können.
Hast du mit deinem Vater dann darüber gesprochen?
Ja, aber ich kann mich an das meiste nicht mehr erinnern. Ich habe es wahrscheinlich verdrängt. Aber mein Papa hat in den letzten Tagen nie geschlafen, um alles für uns zu regeln - mit den Versicherungen und so. Wir haben in der Zeit oft gekuschelt. Aber ganz am Ende war er so krank, dass er nichts mehr selber machen konnte.
Hattest du trotzdem noch Hoffnung?
Ich habe lange über diese Frage nachgedacht. Die Hoffnung stirbt nie. Ich wusste, dass ich weitermachen musste. Wir mussten uns gegenseitig stärken, um weitermachen zu können. Ich hoffe immer noch, meinen Vater im Himmel wieder zu sehen. Aber der Tod meines Vaters lässt mich dennoch oft an Gott oder seiner Art, zu handeln, zweifeln.
Kannst du dich noch an den Tag seines Todes erinnern?
Dieser Tag ist komischerweise einer der wenigen, an die ich mich erinnern kann. Ich bin an dem Tag aufgestanden, und als wir uns von Papa verabschiedet haben, hatte der Krebs ihn so zerfressen, dass er meinen Zwillingsbruder und mich nicht mehr unterscheiden könnte. Ich hatte so ein Gefühl, dass er an diesem Tag sterben wird. Also fragte ich Mama, ob ich zu Hause bleiben kann. Sie meinte, ich solle gehen, aber wenn ich nicht wolle, müsse ich nicht zur Volleyball-AG nach dem Unterricht gehen. Also ging ich in die Schule.
Wie hast du erfahren, dass dein Vater gestorben ist?
In der Englischstunde wurde an die Tür geklopft, und unsere Englischlehrerin wurde herausgerufen. Ich habe so gehofft: „Nein, bitte nicht", aber dann wurde mein Name aufgerufen.
Kannst du dich erinnern, wie du dich unmittelbar nach dieser Nachricht gefühlt hast?
Dieses Gefühl war das Seltsamste in meinem Leben, weil ich nichts gefühlt oder gesehen habe. Ich wurde noch nicht mal informiert. Mein Name wurde aufgerufen, und ich wusste Bescheid. Ich fing an, meine Sachen einzupacken und zu weinen. Dann habe ich eine Art Hellblau gesehen, es war, als wenn ich in einem Wasserfall stände. Dann habe ich nichts mehr wahrgenommen.
Kannst du das genauer erläutern?
Es gibt ja so Momente, in denen man denkt, man denkt nichts. Aber in diesem Moment war es nicht so. Es war wirklich Leere in mir. Ich habe mich selber nicht mehr wahrgenommen. Dann hatte mich plötzlich irgendwer im Arm. Mir wurde später gesagt, dass es eine gute Freundin von mir war. Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, war, dass ich im Auto saß, in den schönen blauen Himmel geschaut habe und gedacht habe: „Da ist Papa jetzt. Jetzt geht's ihm gut."
Hast du Menschen, mit denen du über alles sprechen kannst? Hilft dir das?
Ja, viele Menschen. Menschen, mit denen ich nichts zu tun hatte, sind zu mir gekommen und wollten mir helfen. Das hat gut getan. Besonders, weil ich so gerne über meinen Vater rede, weil er so ein toller Mensch war und weil das zeigt, dass ein Mensch die Welt ein bisschen schöner machen kann.
Was hat dir sonst noch geholfen, über seinen Tod hinwegzukommen?
Am meisten meine Mutter. Sie hat mir die Gründe gegeben, weiterzumachen. Sie hat mir von Anfang an die Wahrheit gesagt und war immer für mich da. Auch jetzt noch.
Denkst du noch oft an deinen Vater und an die Zeit mit ihm? Und was sind das für Gedanken?
Ich denke sehr oft an ihn. Der größte Gedanke ist immer, wie ich ihn vermisse und die Zeit mit ihm, wie toll er war und wie viel wir noch hätten erleben können. Dann, dass das Leben nicht fair ist. Nicht nur für ihn, auch für unsere ganze Familie. Ich weine noch sehr oft, wenn ich an ihn und die Zeit mit ihm denke. Oft denke ich auch, dass er der Mensch ist, den ich brauche, damit alles besser ist. Manchmal bilde ich mir auch ein, ihn in anderen Personen auf der Straße wiederzuerkennen. Aber das größte Gefühl ist der Schmerz. Ich will ihn so gerne wiederhaben. Diese Gedanken haben mein ganzes Leben verändert.
Auf welche Weise?
Oft sagen mir Menschen auch, dass ich sehr anhänglich bin, aber ich bin es nur, weil ich weiß, wie schrecklich es ist, einen Menschen zu verlieren, der einem wichtig ist. Nichts auf der Welt ist wichtiger, als Zeit mit seinen Liebsten zu verbringen. Außerdem habe ich durch den Tod meines Vaters gelernt, die wesentlichen Dinge im Leben zu sehen. Aber ich habe verlernt Menschen loszulassen. Trotzdem wird mein Vater mich mein Leben lang in meinem Herzen begleiten, und man kann nichts dagegen tun, dass der Schmerz immer wiederkehrt. Er kann erst zur Freude werden, wenn ich wieder in seinem Arm einschlafen kann, wie damals, als er gesund war, und ich zu Hause wieder für fünf Leute den Tisch decken kann, weil keiner fehlt.
Interview mit Karin:
Karin, wie hast du von dem Tod deines Freundes erfahren?
Er lag dort bereits zwei Tage im Krankenhaus. Die Schwester meines Freundes hat mich morgens auf dem Handy angerufen und mir gesagt, „dass er es nicht geschafft hat".
Kannst du dich noch erinnern, wie du dich unmittelbar nach dieser Nachricht gefühlt hast?
Als wir auflegten, war ich einen Moment wie erstarrt. Mir ging immer wieder dieser eine Satz im Kopf herum: „Er hat es nicht geschafft." Danach habe ich dann nur noch geweint, und ich weiß, es hört sich blöd und dramatisch an, aber es hat sich angefühlt, als wäre mein Herz in 1.000 Stücke zerbrochen.
Warst du auf seiner Beerdigung? Und wie hast du dich dabei gefühlt?
Ja, ich war auf seiner Beerdigung. Die Gefühle kann ich eigentlich gar nicht richtig in Worte fassen. Auf der einen Seite hab ich mich von ihm im Stich gelassen gefühlt, und auf der anderen Seite konnte ich das alles noch gar nicht realisieren, dass er jetzt einfach nicht mehr da ist.
Denkst du noch oft an ihn? Was sind das für Gedanken?
Ich denke noch jeden Tag an ihn. Es erinnert mich alles an ihn. Egal was ich anschaue oder mache, als erstes „erscheint" sein Gesicht vor meinen Augen...Ich verbinde irgendwie alles mit ihm. Am Anfang war das sehr schlimm für mich, und ich hätte dann immer direkt los heulen können, aber mittlerweile kann ich dann darüber lächeln. Wie heißt es so schön?! „Weine nicht, weil es vorbei ist, sondern lächele, weil es so schön war."
Hattest du Menschen, mit denen du über seinen Tod und deine Gefühle sprechen konntest? Hat dir das geholfen?
Meine Eltern sowie auch meine Freunde haben sich super um mich gekümmert. Besonders mit meiner Ma konnte ich darüber sprechen.
Was hat dir sonst noch geholfen, über seinen Tod hinwegzukommen?
Ich habe mich abgelenkt, indem ich arbeiten gegangen bin, oder habe halt was mit Freunden unternommen. Einfach, um mich abzulenken und nicht ständig an ihn zu denken und wieder weinen zu müssen.
Hast du noch Kontakt zu seiner Familie? Hilft dir das?
Ich hab noch sehr guten Kontakt zu seiner Familie. Anfangs fiel es mir schwer, dorthin zu fahren, da mich alles an ihn erinnert hat und es sehr komisch für mich war, dass ich alleine bei der Familie saß und er nicht neben mir. Doch jetzt freue ich mich, wenn ich bald wieder nach Haltern fahre, denn ich habe die Familie sehr ins Herz geschlossen.
Interview: Carsten Hohmann und Jan Philipp Wiebusch, Klasse 9 (Kardinal-von-Galen-Gymnasium)
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