Schneller? Höher? Stärker?

Schneller, höher, stärker - das ist seit 1924 das Motto der Olympischen Spiele. Es wurde ursprünglich von keinem Sportler oder Olympiafunktionär geprägt, sondern von dem Dominikanerpater Henri Didon. 1891 stellte er ein Schülersportfest in Paris unter dieses Motto. Natürlich in lateinischer Sprache: Citius, altius, fortius - schneller, höher, stärker.

Diese olympische Divise ist im Laufe der Zeit immer mehr zu einer Devise geworden, die das Leben der modernen Gesellschaft grundlegend bestimmt. Alles ist auf Wachstum ausgerichtet. Alles muss immer schneller gehen. Die Ansprüche an das Leben werden immer höher. Der jeweils Stärkere gibt das Tempo vor und bestimmt die Richtung. Wem dabei die Puste ausgeht, der hat eben Pech gehabt. Dass ein solches permanentes Wachstum, dass der ewige Erfolg, dass eine Dauerkarte auf dem obersten Siegertreppchen schon längst nicht mehr mit natürlichen Mitteln zu erreichen ist, zeigt sich besonders deutlich im Radsport. Wer siegt, ist gedopt - nicht wirklich jeder, aber jeder wird dessen verdächtigt. Und wie im Sport, so geht auch in vielen anderen Bereichen nicht alles mit rechten Dingen zu, sind viele Erfolge nicht auf dem eigenen Mist gewachsen.

Da liest sich ein Wort aus der Heiligen Schrift wie ein aktueller Kommentar in einer Tageszeitung: Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch. Denn es kommt vor, dass ein Mensch, dessen Besitz durch Wissen, Können und Erfolg erworben wurde, ihn einem andern, der sich nicht dafür angestrengt hat, als dessen Anteil überlassen muss. Auch das ist Windhauch und etwas Schlimmes, das häufig vorkommt. (Koh 1, 2. 2, 21) Ja, Kohelet, dieser Mann des Alten Testaments hat offensichtlich nicht immer die besten Erfahrungen in seinem Leben gemacht. Aber vielen oder den meisten Menschen wird das Leben so mitspielen. Damals wie heute. Dieser Erfahrungen werden sich verstärken, je mehr die Devise "schneller, höher, stärker" absolut gesetzt wird, das heißt, das Leben, sein Wert und seine Qualität daran gemessen werden. Besitz, Gesundheit, Mobilität - wer's nicht hat und kann, kann sein Leben gleich vergessen, bleibt ohnehin auf der Strecke.

Kohelet stellt die richtige Frage: Was erhält der Mensch dann durch seinen ganzen Besitz und durch das Gespinst seines Geistes, für die er sich unter der Sonne anstrengt? (Koh 2, 22) Was erhält der Mensch, der sich am Ende seiner Tage eines großen Reichtums erfreut? Darauf gibt Jesus eine wirklich befreiende Antwort: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, das ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt. (Lk 12, 15) Jesus ermutigt mich, nicht Schätze für mich zu sammeln, sondern vor Gott reich zu werden.

Wie das geht? Auf jeden Fall nicht mit einem Leistungs- oder Erfolgsdruck. Die Währung Gottes ist die Stunde am Bett eines Kranken oder eines Sterbenden. Sie ist das Lächeln, das ich auf das Gesicht eines Menschen bringe, die Träne, die ich abwische. Die Währung Gottes ist das Wort der Versöhnung und das Werk der Barmherzigkeit. Die Währung Gottes ist kein Windhauch, sondern das Wehen seines Geistes.

Lutz R. Nehk


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