ORTE VON FREMDE UND LIEBE

Fine Renzel

Fine RenzelNun stand ich vor diesem Haus, das Eis in meiner Hand. Ein unwissender Betrachter hätte es wohl für ein gewöhnliches Zweifamilienhaus gehalten und sich bloß über die ungewöhnliche Lage gewundert. So direkt gegenüber vom Franziskus- Hospital. Ja, dieser Betrachter hätte es, höchstwahrscheinlich, für schön befunden. Ein verschlungener Weg führte durch einen wilden, aber keinesfalls ungepflegten Garten zur Tür. In diesem Haus befand sich Oma jetzt. Erinnerungen überströmten mich. Als erstes das Foto von Opa und mir, auf dem ich als kleines Baby in einem orangenen Strampelanzug mit einem Frosch darauf in seinen Armen lag. Dieses Foto stand in Omas riesigem Haus am Adlerhorst, in dem sie seit Opas Tod alleine lebte. Wie ich dieses Haus in dem mir so unnahbaren Mauritz betrat, begrüßt von dem weißen Hasen aus Marmor, wie Oma uns empfing und ich ihr aus mir selbst unklaren Gründen keinen Kuss geben wollte. Es war mir einfach zuwider. Unwillkürlich musste ich lächeln. Wie Mama sich aufregte, wenn Oma uns kleine Täschchen und Werbegeschenke der Sparkasse andrehte, von denen wir kleine Kinder ganz hingerissen waren, die jedoch zu Hause nicht mehr beachtet und im Müll landen würden. In dem Keller, der genauso unübersichtlich riesig wie das Haus war, gab es einen Vorratskeller mit abgelaufenen Dosenprodukten. Von diesem Raum ging noch ein zweiter, sehr kleiner ab, wo wir immer steinharte Starmix geschenkt bekommen hatten. Ich kann nicht sagen, dass es mir bei Oma missfiel. Es gab so viel zu entdecken, wie zum Beispiel den Komposthaufen hinter den Tannen und im Frühling die Maiglöckchen, die in dem großen Garten blühten. Und trotzdem weigerte ich mich, Omas Lippen mit den meinen zu berühren. Als ich größer wurde, sah ich ein, dass unsere Besuche bei Oma an einer Hand abzuzählen waren, dass andere Großeltern mit ihren Enkeln in den Zoo gingen, und ich verstand Mama. Doch das war ganz sicher nicht der Grund. Dass Oma Krebs hatte, war ein Hintergedanke in meinem Kopf, doch ich realisierte ihn erst, als Oma im Krankenhaus lag. Sie war sehr alt, ja, und Fragen tauchten auf. Operieren oder nicht usw. Schließlich fasste Mama den Beschluss, nicht ohne ihn ausführlich mit Oma abgesprochen zu haben, dass sie ins Hospiz solle.

Dort stand ich nun. Vor dem gemütlichen Haus für Sterbende. Auch der unwissende Betrachter würde, unter der Voraussetzung, er sähe genau hin, das eiserne Schild mit der Inschrift »Johannes- Hospiz« bemerken. Ich holte Luft und durchschritt den Garten, wie schon so oft, indem ich dem geschlängelten Weg folgte, trat durch die Tür ein und befand mich - in einer Küche. Durch dieses heimische Gefühl beflügelt und von den freundlichen Menschen ermutigt, erklomm ich die Treppe und trat ohne Zögern in das Zimmer. Dort lag sie, diese Frau, die immer so verkniffen, geizig und anscheinend gefühllos gewesen war. Sie lag dort im Bett, so hilflos, schwach und zerbrechlich. Angewiesen auf andere. Ich sah, dass es ihr noch schlechter ging als bei meinen letzten Besuchen. Ein Lächeln kam auf den dünnen Lippen gerade noch zustande. Ich begrüßte sie fröhlich, aber nicht stürmisch. Und ich erzählte, wie ich es noch nie getan hatte. Belanglose Dinge, die sie unheimlich glücklich machten. Ich staunte über uns, wir, die wir uns so fremd gewesen waren. Und es gefiel mir so gut, in dieser friedlichen Stimmung bei ihr zu sein und ihr beizustehen. Beinahe stolz hatte sie mir ihren Fernseher und andere Accessoires ihres Zimmers gezeigt, doch heute hing das Gespräch ganz von mir ab. Auch das Eis konnte sie nicht alleine essen. Auf meine Frage, ob ich sie füttern solle, hauchte sie ein dankbares Ja. Und als ich ihr, wie einem süßen Baby, Löffel für Löffel das Eis, das ihr höchsten Genuss bereitete, in den Mund schob, durchströmte mich Liebe. Und ich denke, ihr erging es ähnlich. Ich glaube nicht, dass es früher anders war, doch sie konnte es nicht zeigen, vielleicht hatte der Krieg sie abgehärtet. Ich kannte die Geschichte von Mamas Kindheit, in der Oma keine allzu gute Rolle spielt. Ich kannte ihre Profitgier und Lieblosigkeit. Mit vielen Bosheiten war ich vertraut. Wie sehr bedauerte ich Mama aus tiefstem Innern, doch all das konnte doch nicht diese feenhafte Frau gewesen sein, die vor mir lag! Ich verfluche Krieg schon so, aber falls er diese Frau so verändert haben sollte, dass sie nur in ihren letzten Stunden Verletzlichkeit zeigen konnte, dann finde ich endgültig keine Worte mehr für meine Abscheu! Ich erzählte von Zuhause. Ihre verrückte, Orange liebende, Gedichte rezitierende Schwester war bei uns in der Stadt in der Friedensstraße zu Besuch. Dass Oma so viel Eis aß, hatte unser Fasten gebrochen und wir kauften bei der Eisdiele Grava an der Wolbeckerstraße Eis für eine Großfamilie. Der Besitzer nahm unheimlichen Anteil an unserem Schicksal und machte extra noch neues Zitroneneis, Omas Lieblingssorte. Bald war der letzte Rest aus dem Becher gekratzt und es war Zeit für mich zu gehen. Oma wollte mir wieder Geld geben, dass ich gekommen war, doch ich lehnte ab, denn es hatte mir eine ebenso große Freude bereitet. Es sollte das letzte Mal sein, dass wir uns sahen. Und keinem Zwang, sondern einfach nur einer unglaublichen Lust, Freiheit und Liebe folgend, beugte ich mich über Oma, sagte ein paar belanglose, verabschiedende Worte und küsste sie.

(aus: FremdSein. Kurzgeschichten, Band 5. Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat.  2012, S. 52-54).

Ansprechpartner:

Andreas Stähli

Dr. phil. Andreas Stähli, M.A.
Leitung Akademie,
Fort- und Weiterbildung
Pflegefachkraft und Trainer in Palliative Care


Rudolfstr. 31
48145 Münster

Telefon: 
    
Telefax:
0251 37409278 
0151 21246154
0251 37409326


a.staehli@johannes-hospiz.de

Sie wollen unsere Arbeit unterstützen?


Herzlichen Dank! Wir sind auf Spenden angewiesen. Bitte helfen Sie mit!

  SOFORT SPENDEN

  Regelmäßig spenden


  Aktion Helferhände

  Stiftung Johannes Hospiz

Sie interessieren sich für ...

Stationäre Aufnahme ...mehr

Ambulante Begleitung ...mehr

Ehrenamt ...mehr

Veranstaltungen Akademie...mehr